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Die Tertulia ist ein multikultureller Lese- und Dialogkreis für kritische Pädagogik und Philosophie. Für wen? Neugierige aller Hintergründe, Studierende, Lehrende, Künstler:innen, Forscher:innen, Aktivist:innen und alle, die Lust auf gemeinsames Reflektieren und kritisches Denken haben.
Wir lesen, interpretieren und diskutieren ausgewählte Texte. Wir erkunden, was diese Texte für uns heute bedeuten, stellen eigene Fragen und entdecken gemeinsam neue Perspektiven – ohne Leistungsdruck oder erforderliche Vorkenntnisse. Im Mittelpunkt der Tertulias steht der Dialog auf Augenhöhe.
Sprachen: die Diskussion ist auf Deutsch. Beiträge auf Spanisch, Portugiesisch oder Englisch sind auch willkommen!
Jeden zweiten Donnerstag, ab 19 Uhr (nächster Termin: 12.2.2026) treffen wir uns im EineWeltHaus München, Schwanthalerstr. 80.
Kommt vorbei und gestaltet mit uns einen Raum des gemeinsamen Lernens und Wachsens. Wir freuen uns auf euch!
Bring deine Gedanken und Erfahrungen mit, deine Neugier – und gerne auch einen Snack oder ein Getränk zum Teilen.
Eintritt:Frei. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich.
Veranstalter: Aluna Minga e.V. & Nord Süd Forum München e.V.
Kontakt & Info:Danny Carvajal, tertulias@alunaminga.org


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Glorificar a democracia e silenciar as pessoas é uma farsa; dar um discurso de humanismo e negar as pessoas é uma mentira.
- Paulo Freire
danny.carvajal@alunaminga.org

Die Herausforderungen der Menschen jeder Epoche bedürfen künstlerischer Ausdrucksformen, die die Unstimmigkeiten und sogar Unmöglichkeiten der verbalen Sprache auflösen. Die Sprache stößt schnell an ihre Grenzen, wenn ein Mensch versucht, die eigene konkrete Existenz in dem bestimmten Moment der Geschichte zu beschreiben oder zu definieren. Es bedarf der Zusammenfassung, der Situierheit in der Geschichte, die über Jahrtausende hinaus geht. Das stellt eine tatsächlich unmögliche Aufgabe dar.
In diesem Sinne tritt die Kunst dort in Erscheinung, wo das Sagbare erschöpft wird und noch viel zu erzählen bleibt. Die Musik hat unter allen Künsten die Möglichkeit, die Sinne und das Gemüt überaus stark zu beeinflussen und dauerhaft zu prägen. Die Schwingungen, die mit der Haut in Kontakt kommen und das Hörorgan anregen, werden vom Körper aufgenommen und schaffen eine Umgebung, in der die Melodie oder die gesprochenen Sätze vom Verstand erfasst werden. Dies ist vielleicht die beste Art und Weise, den Geist zu nähren. Daher betonten die Philosophen der Antike die Bedeutung der Musik im Bildungsprozess des Menschen: Man muss sich um die Seele kümmern, daher muss man vorsichtig sein mit der Musik, die man hört.
Heutzutage haben wir eine überwältigende Auswahl an Möglichkeiten, ein unendliches Angebot an Liedern, Rhythmen und Genres, an denen wir uns erfreuen können. Die Tendenz zur Monotonie jedoch, die schon von klein auf gefördert wird (wenn man bedenkt, dass die beliebtesten Kinderlieder im Internet nicht unbedingt die ausgefeiltesten sind) und sich in Begegnungs- und Freizeiträumen durchsetzt, füllt die Freizeit mit bloßer Ablenkung, ohne Inhalt oder Komplexität zu bieten, und hinterlässt einen spirituellen Notstand, einen Mangel, einen Verfall dessen, was den menschlichen Geist zum Göttlichen erheben könnte.
Musik hat die Kraft, uns in einen Dialog mit der Welt, mit der Geschichte und mit der Menschheit zu versetzen. Die zu einer Ware gewordene Musik ist wie ein Körper ohne Seele, eine bloße Erscheinung, etwas Vergängliches und Unbedeutendes. Musik lässt sich in diesem Sinne mit Essen vergleichen: Es gibt Junkfood und es gibt gesunde Ernährung. In jedem Fall besteht die Möglichkeit der Wahl, eine Möglichkeit, die verschwindet, wenn sie nicht genutzt wird. Dann müssen wir uns dem unterwerfen, was andere für uns wählen. Hier stehen wir vor der fast ewigen philosophischen Frage: Sind wir überhaupt frei zu wählen? Wir wählen auf der Grundlage dessen, was wir wissen, und unser Wissen stammt aus Erfahrung. Wie erlangt man diese Erfahrung, diese wertvolle Quelle des Wissens und der Urteilsfähigkeit, wenn es um den Musikgeschmack geht?
Genau wie im alltäglichen Umgang mit anderen Menschen sind Offenheit und Ehrlichkeit als Grundhaltung und die Fähigkeit, mit anderen mitzufühlen, die sogenannte Empathie, eine Voraussetzung für den Aufbau von Beziehungen. Beziehungen sind dialogische Prozesse, sie sind im Grunde genommen Kommunikation auf existenzieller Ebene. Die Fähigkeit, den anderen als „Du” im Sinne Bubers anzuerkennen, wird auch durch Musik als Bildungsressource gefördert. Der innere Dialog zwischen der eigenen Erfahrung und der Erfahrung des Künstlers findet statt, wenn wir uns in dieser Haltung der existenziellen Offenheit befinden. Dann bewegt uns Musik und verwandelt uns. Wir sind nicht mehr dieselben Menschen, nachdem wir ein Lied gehört haben, das unsere Existenz anspricht und den Horizont unserer Erfahrung erweitert. Laut der freireanischen Maxime: „Bildung verändert die Welt nicht. Bildung verändert die Menschen, und Menschen transformieren die Welt”, ist der Mensch im Mittelpunkt für eine Transformation der Lebensumstände, eine Veränderung der Welt.
Der sowjetische Künstler Viktor Tsoi ist ein Revolutionär, der aus der Asche eines entmenschlichenden, veralteten und verstaubten Regimes neue Hoffnungen für das Leben und den Aufbau einer neuen Welt entstehen lässt. Seine Musik zeichnet sich durch Dringlichkeit aus. Das dringende Bedürfnis zu leben, denn das Leben ist vergänglich und die Zeit, unsere wertvollste Ressource, wird uns genommen. Zunächst muss man sich dessen bewusst werden.
Sowohl Freire als auch Tsoi entwickelten ihr Werk aus den eigenen Erfahrungen mit Totalitarismus, unterdrückerischen Regimes und sozialen Strukturen, die darauf ausgerichtet waren, Menschen zu verdinglichen und zu unterdrücken. Unter ihren Hauptthemen gibt es viele Gemeinsamkeiten. Einer der wiederkehrenden Punkte ihrer sozialen Kritik ist die systematische Entmenschlichung der sozialen Beziehungen und damit die Schaffung einer „industriellen” Welt (im wahrsten Sinne des Wortes, basierend auf Ausbeutung der Arbeit und Produktion von Gütern), in der Liebe und Lebenswillen keinen Platz zu haben scheinen. Beide können als Vertreter dessen angesehen werden, was man philosophisch als „postnietzscheanischen Vitalismus” (d.h. eine bedingungslose Bejahung des Lebens und die Betonung der Freiheit als Verantwortung in einer Gemeinschaft) bezeichnen könnte.
Die Einbeziehung der Perspektive von Paulo Freire bereichert die vorliegende Analyse von Viktor Tsois berühmtem Lied „Дальше действовать будем мы“ (Wir werden weitermachen) erheblich, und verwandelt sie von einem einfachen Protestsong in eine pädagogische Angelegenheit über die Befreiung der Unterdrückten. Aus einer historischen Perspektive können wir diesen Song als Ausdruck der „Bewusstseinsbildung“ (conscientização) nach Freire im Kontext der sowjetischen Perestroika analysieren. Die Säulen von Freires Denken, vor allem aus seinem grundlegenden Werk „Pädagogik der Unterdrückten” können in drei Begriffen zusammengefasst werden: das „Bankier-Modell” der Bildung (Educação bancaria), die Bewusstseinsbildung (Conscientização), und der Dialog (Diálogo).
Ein unterdrückendes System behandelt Individuen wie leere Gefäße, die mit dem Wissen und den Werten des Unterdrückers gefüllt werden müssen. In diesem Sinne ist das Bankier-Modell die Grundlage eines Systems, das Menschen zum „Mittel zum Zweck“ reduziert, das sie als Arbeitstiere domestiziert und deren Fähigkeit zu denken und die eigenen Lebensumstände zu schaffen verneint. Daher die Notwendigkeit eines Weges, der zur Conscientização führt. Es ist der kritische Prozess, durch den die Unterdrückten im Dialog nicht nur ein Bewusstsein bzw. eine Meinung über die unterdrückerischen Strukturen entwickeln, sondern sich selbst als Subjekte erkennen, die in der Lage sind, ihre Realität zu verändern. Da haben wir den Dialog, ein zentrales Element der Befreiungspädagogik. Er ist nicht nur ein bloßer Austausch von vor-formulierten Worten, sondern der grundlegende Akt der Befreiung in der existenziellen Begegnung eines Selbstbewusstseins mit einem anderen. Es ist die Praxis, durch die sich Menschen als unvollendete Wesen erkennen und gemeinsam an der Gestaltung der Welt mitwirken. Subjekte statt Objekte. Die befreiende Pädagogik zielt darauf ab, dass die Unterdrückten aufhören, passive Objekte („Wesen für andere”) zu sein, und zu Subjekten ihres eigenen Schicksals („Wesen für sich”) werden.
„Дальше действовать будем мы“ von Viktor Tsoi ist grundsätzlich eine Generationshymne des werdenden Seltbstbewusstseins und eine direkte Ablehnung des „bankartigen“ Bildungs- und Sozialmodells. Dieses, sowie viele andere Lieder von Tsoi, appelliert an die Hoffnungslosigkeit und die Enttäuschung einer ganzen Generation von unterdrückten, verarmten, entfremdeten Menschen. Tsoi ist das peripherische selbstbewusstwerdende Subjekt, das die Konformität und Anpassung nicht mehr toleriert.
Мы хотим видеть дальше
Чем окна дома напротив
Мы хотим жить, мы живучи как кошки
И вот мы пришли заявить
О своих правах, да
Слышишь шелест плащей, это мы
Wir wollen weiter sehen
Als die Fenster des Hauses gegenüber
Wir wollen leben, wir sind lebhaft wie Katzen
Und nun sind wir gekommen, um
Unsere Rechte geltend zu machen, ja
Hörst du das Rascheln der Regenmäntel, das sind wir
Die Rolle der Musik im Bildungsprozess lässt sich dadurch erkennen, dass sie nicht domestiziert, sondern befreit. Der Prozess der Entwicklung eines kritischen Bewusstseins – für die Transformation der sozialen und politischen (Un)Ordnung– besteht darin, unterdrückerische Strukturen zu erkennen und gegen sie vorzugehen. Der Satz „Wir wollen weiter sehen / Als die Fenster des Hauses gegenüber”. Drückt den Wunsch aus, die begrenzte und unkritische Sichtweise der Realität (in Freires Werk durch die „Kultur des Schweigens” bezeichnet) zu überwinden, die vom System auferlegt wird. Sie ermöglicht es den Unterdrückten, ihre Menschlichkeit zurückzugewinnen und an der Transformation ihrer Welt mitzuwirken. Tsoi sagt es explizit „Und siehe da, wir sind gekommen, um unsere Rechte zu verkünden”. Es ist der Akt, die konkrete historische Situation zu benennen und Handlungsfähigkeit einzufordern, ein wesentlicher Schritt zur Befreiung.
Мы родились в тесных квартирах
Новых районов
Мы потеряли невинность
В боях за любовь
Нам уже стали тесны одежды
Сшитые вами для нас одежды
Wir wurden in beengten Wohnungen
Neuer Stadtteile geboren
Wir haben unsere Unschuld verloren
Im Kampf um die Liebe.
Die Kleider, die ihr für uns genäht habt,
sind uns schon zu eng geworden.
Diese Verse aus der Peripherie spiegeln das Wissen, die Werte und die vordefinierten sozialen Rollen wider, die die vorherige Generation zu vermitteln versuchte.
Genauso wie Freire plädiert Tsoi für die Bewusstseinsbildung als Möglichkeitsbedingung einer Humanisiserung (humanização) der Gesellschaft. Die Unterdrückten müssen aufhören, passive Objekte („Wesen für andere“) zu sein, und zum kollektiven Subjekt (der Plural wird tatsächlich betont) ihres eigenen Schicksals („Wesen für sich“) werden. Der sich wiederholende Refrain „Wir werden von nun an handeln“ ist eine kollektive Bekräftigung, historische Subjekte, Akteure des Wandels und nicht mehr passive Zuschauer zu werden. Die Verknüpfung des theoretischen Rahmens von Freire mit dem Werk von Tsoi führt zu einer tieferen Interpretation, da das Lied nicht nur eine Klage ist, sondern eine Übung in kritischer Pädagogik an sich.
Tsoi ist ein vielseitiger Künstler, und um sein Werk zu interpretieren, bedarf es einer umfangreichen interdisziplinären Arbeit. Seine Sozialkritik und seine klare und entschiedene Haltung gegen Krieg, Militarisierung und Entmenschlichung der Welt als unmittelbare Bedrohung des Schönen und des Lebens zeugen von der Größe seines Geistes. Seine Musik überwindet Generationen und geopolitische Grenzen. Der Sinn und Zweck seines Kampfes ist die Befreiung des Menschen, die nur in einer kollektiven Form des Seins, einem „Wir”, möglich ist. Die Generation „wir” begibt sich auf die Reise der Bewusstwerdung, so wie bei Freires Darstellung einer befreienden Praxis. Sie startet aus einer, in den Worten Freires, „Kultur des Schweigens” (der Passivität, nur die Fenster gegenüber zu betrachten) heraus und bewegt sich hin zur Ausübung von Freiheit (ihre Rechte zu erklären und anzukündigen, dass sie handeln werden).
Tsois Botschaft spiegelt das Ideal Freires wider, indem die Unterdrückten (die sowjetische Jugend des Unterganges) nicht auf die Befreiung durch ihre Unterdrücker warten, sondern sich selbst als die einzigen Akteure sehen, die diese Befreiung herbeiführen können. Wie Freire schrieb: „Die Unterdrückten müssen sich selbst ein Vorbild sein im Kampf um ihre Erlösung.” Im Wesentlichen könnte ein Lied wie „Дальше действовать будем мы“ wohl die Klanglandschaft der Pädagogik der Unterdrückten sein. Es ist der Klang einer Generation, die ihre Welt gelesen hat und sich nun anschickt, sie neu zu schreiben, indem sie sich weigert, das Archiv eines Systems zu sein, das sie gefügig und still haben wollte. Für Freire ist es klar, dass, um die Gesellschaft neu zu gestalten, es zunächst imperativ ist, die Welt lesen zu können (a leitura do mundo).
Das zentrale Konzept der Praxis bei Paulo Freire und seine Manifestation in der sowjetischen Gegenkulturbewegung wird verkörpert durch Viktor Tsoi. Der kollektive Charakter der Praxis – d.h. die untrennbare Einheit von Handeln und Reflexion– übermittelt den Schlüssel zum Verständnis, warum diese Bewegung nicht nur Ausdruck von Tsois Unzufriedenheit war, sondern ein historischer Faktor des Wandels. Wahre Befreiung kann weder nur ein Akt der Reflexion (bloße Theorie) noch nur ein Akt impulsiven Handelns (blinder Aktivismus) sein. Praxis, laut Freire, ist der dialektische Prozess, in dem wir kritisch über die unterdrückende Welt nachdenken, handeln, um diese Welt zu verändern, und erneut über unser Handeln nachdenken, um es zu bewerten und daraus zu lernen. Dieser Kreislauf ist das Wesen des Kampfes der Unterdrückten für ihre Menschlichkeit. „Niemand befreit jemanden, und niemand befreit sich selbst. Menschen befreien sich in Gemeinschaft“, so Freire. Diese „Gemeinschaft“ ist der Raum der kollektiven Praxis.
Die sowjetische Underground-Rockbewegung der 80er Jahre und insbesondere Kino (Viktor Tsois Band) ist ein paradigmatisches Beispiel für Freires Praxis. Ihre Hauptbühne waren nicht die großen Stadien, sondern winzige Wohnungen, die sogenannten „Rockküchen“ (рок-кухня). Der existenzielle Charakter spricht die einfachen Menschen der Peripherie an, für die die Küche zur Begegnung- und Bezugsort und Referenzpunkt für die Existenz wird, da der alltägliche Kampf und allererste Priorität darin besteht, am Ende des Tages etwas zu Essen auf den Tisch zu bringen. Eine Reflexion in der Küche, musikalisch geübt als kritischer Dialog, bildet Räume der Befreiung, analog zu Freire'schen Kulturkreisen. Dort hörten die Jugendlichen nicht nur Musik, sondern trafen sich auf Augenhöhe und führten existenzielle Dialoge. Sie reflektierten kritisch über die Realität, in der sie lebten, über die Heuchelei des Systems, die Leere der Propaganda, die Kluft zwischen den Versprechungen und ihrem Leben in den „neuen Distrikten”.
Tsois Texte waren zugleich Ausgangspunkt und Zusammenfassung für diese Dialoge. Der Satz „Unsere Kleider werden uns schon zu eng ...” war nicht nur eine Metapher, sondern ein Thema der Debatte und der kollektiven Anerkennung der konkreten Situation in der Peripherie des Systems. Aber die Reflexion blieb nicht in der Küche. Sie führte zu konkreten demokratisierenden Aktionen, wie die Musik aufzunehmen und zu verbreiten. Das heimliche Aufnehmen von Musik auf Kassetten (Магнитиздат) und deren Weitergabe von Hand zu Hand war ein politischer Akt von enormer Bedeutung. Es war die Schaffung eines freien Kommunikationsnetzwerks außerhalb der Kontrolle des Staates.
Heute ist nicht mehr der Staat, sondern der Markt, der über alle Ressourcen zu verfügen und alles zu kontrollieren versucht. In Zeiten des Streamings und der Monetarisierung jeder Sekunde Musik wird für unsere Generation der Sinn für Wertschätzung verzerrt. Einerseits sind die Folgen für die Umwelt verheerend, wenn man den unverhältnismäßigen Energieverbrauch der großen Server und den Datenverkehr im Internet berücksichtigt. Andererseits macht es uns abhängig von einem bestimmten Gerät und einer Internetverbindung. Außerdem müssen wir einen digitalen Dienst abonnieren, um auf Musik zugreifen zu können, die auf einem Mega-Server gespeichert ist, auf den man ohne die Vermittlung kommerzieller Plattformen, d. h. ohne ein kostenpflichtiges Abonnement, keinen Zugriff hat. Das ist in gewisser Weise eine Verleugnung der der Kunst innewohnenden Freiheit und Kraft. Musik zu teilen und sie mit möglichst wenigen Hindernissen zugänglich zu machen, ist ein menschlicher Akt, genauso wie das Teilen eines Gedichts, einer Idee oder jeder anderen Delikatesse zur Freude des Geistes.
Der öffentliche Raum ist der Ort schlechthin des Dialogs. Das regelmäßige Sich-Treffen im Öffentlichen ist ein Schritt weiter in der Gestaltung einer demokratischen Gesellschaft. Tsois Konzerte in einem Parkplatz oder einer Schule waren eine Besetzung des öffentlichen Raums, ein physischer Beweis für die Existenz einer demokratisierenden Kultur. Nun ist das Lied selbst eine unmittelbare Ankündigung; „Дальше действовать будем мы” in einem vollen Auditorium zu singen, war selbst eine performative Handlung. Es beschrieb keine zukünftige Revolution, es war ein revolutionärer Akt in diesem Moment. Es war die Umsetzung der Erklärung der Autonomie. Nun der Erfolg dieser Aktionen (die Energie eines Konzerts, die schnelle Verbreitung eines Liedes) nährte neue Reflexionen im Bewusstseinsbildungsprozess der Unterdrückten, derart wie „Wir sind viele. Wir haben Macht. Unsere Stimme zählt.” Diese neue Gesinnung führte zu mutigeren Aktionen und schloss den Kreislauf der Praxis. Im Laufe der Karriere von Tsoi sehen wir eine bewundernswerte Entwicklung, von Auftritten in Küchen füllten sie gegen Ende der Sowjetzeit Stadien.
Viktor Tsoi war ein Vermittler, ein „Erzieher-Erziehender” im Sinne von Freire. Sein Genie bestand darin, die kritische Reflexion seiner Generation in Liedern zusammenzufassen, die gleichzeitig Werkzeuge zum Handeln waren. Das Lied „Дальше действовать будем мы” ist nur ein Beispiel der Verkörperung des befreienden Impulses. Seine Lieder sind Praxis, Reflexion, indem sie ihre begrenzte Realität analysieren, und Aktion, indem sie ihre Absicht erklären, sie zu verändern. Tsois Musik ist aus der Not des Geistes entstanden, sie war kein geplanter „Protest”, sondern ein lebendiger Bildungs- und Befreiungsprozess. Es war auch die Praxis einer Generation, die durch Gespräche in Küchen und durch Musik nicht mehr ein bloßer Gegenstand der offiziellen Narrative, ein Objekt der sowjetischen Geschichte war, sondern zum Subjekt ihrer eigenen turbulenten Zukunft wurde. Sie sangen nicht nur über Veränderung, sie praktizierten Veränderung in jedem Performance und auf jeder Kassette, die von Hand zu Hand ging.
Die musikalischen Ausdrucksformen, die wir heute in den Massenmedien wahrnehmen und die uns als vorfinanzierte Propaganda aufgezwungen werden, entsprechen nicht unbedingt den Herausforderungen der Zeit mit der transformativen Kraft des Geistes, der sich selbst als Akteur der Geschichte, als transzendentes Wesen erkennt. Diese Art von oberflächlicher Unterhaltung, die sogenannte „Konsummusik”, folgt einem antidialogischen Prinzip, und hier treffen wir uns mit dem Begriff des brasilianischen Philosophen. Die Vorstellung einer Befreiung des Menschen durch die dialogische Praxis der Conscientização gewinnt an Aktualität in Zeiten der Rückkehr des Totalitarismus, je größer die Konformität und die politische Gleichgültigkeit der breiten Masse ist, und je mehr die öffentlichen Räume, die noch bestehen, entpolitisiert werden.
«Дальше действовать будем мы»]
[Куплет 1]
Мы хотим видеть дальше
Чем окна дома напротив
Мы хотим жить, мы живучи как кошки
И вот мы пришли заявить
О своих правах, да
Слышишь шелест плащей, это мы
[Припев]
Дальше действовать будем мы
Дальше действовать будем мы
Дальше действовать будем мы
Дальше действовать будем мы
[Куплет 2]
Мы родились в тесных квартирах
Новых районов
Мы потеряли невинность
В боях за любовь
Нам уже стали тесны одежды
Сшитые вами для нас одежды
И вот мы пришли сказать вам о том
Что дальше
[Припев]
Дальше действовать будем мы
Дальше действовать будем мы
Дальше действовать будем мы
Дальше действовать будем мы
[Припев]
Дальше действовать будем мы
Дальше действовать будем мы
Дальше действовать будем мы
Дальше действовать будем мы
A palavra viva é diálogo existencial. Expressa e elabora o mundo, em comunicação e colaboração. O diálogo autêntico – reconhecimento do outro e reconhecimento de si, no outro – é decisão e compromisso de colaborar na construção do mundo comum.
- Paulo Freire
Das lebendige Wort ist existentieller Dialog. Es drückt die Welt aus und gestaltet sie in Kommunikation und Zusammenarbeit. Der authentische Dialog – die Anerkennung des Anderen und die Selbsterkennung im Anderen – ist Entscheidung und Verpflichtung, am Aufbau der gemeinsamen Welt mitzuwirken.
- Paulo Freire

Im kolumbianischen Amazonasgebiet, zwischen den Flüssen Guaviare und Inirida, lebten die Nukak Makú traditionell zurückgezogen und mieden den Kontakt mit Siedlern aus anderen Regionen Kolumbiens.1 Diese Lebensweise wurde jedoch durch die Invasion ihrer angestammten Gebiete durch Siedler:innen, bewaffnete Auseinandersetzungen und die gewaltsame Vertreibung zerstört.2 Diese Gewalt, als unmittelbare Fortsetzung kolonialer Gebietskontrolle, hat die sozialen und ökonomischen Grundlagen der indigenen Völker im Amazonas zerrüttet und die ökologische Integrität der Region fragmentiert. Aber solche Missachtung indigener Lebensweisen ist strukturell verankert – über die großflächige Abholzung des Regenwaldes für Viehzucht, Rohstoffabbau und Koka-Anbau bis zur damit einhergehenden Präsenz bewaffneter illegaler Gruppen. Außerdem, wie bereits zur Zeit der massiven europäischen Invasion Ende des 15. Jahrhunderts, führen auch heute noch Epidemien, die durch den Kontakt mit Siedler:innen eingeschleppt wurden, zu Todesfällen unter den Nukak Makú. Dies hat zu einem drastischen Bevölkerungsrückgang geführt.3
Eine journalistische Recherche wurde im Oktober 2025 veröffentlicht: „Nukak: Vertrieben und nun in einem zwielichtigen Geschäft mit Emissionszertifikaten missbraucht.“4 Die Recherche zeigt, wie in den letzten Jahren ein Netzwerk aus Politiker:innen und Unternehmer:innen öffentliche Aufträge im Zusammenhang mit der Gemeinschaft der Nukak kontrolliert und versucht hat, Einfluss auf ein Geschäft mit Emissionszertifikaten zu nehmen, wobei es zu Morddrohungen und in der Folge zu Gerichtsverfahren kam.5
Die Hauptakteure sind auf der einen Seite ein Netzwerk aus lokalen Politiker:innen und Unternehmer:innen, angeführt von Jeison Benachi (Gründer von Innova Green/Corpogreen und Politiker) und Shirley Ortiz (sie war 2019 Kandidatin für das Bürgermeisteramt von Miraflores, the place where peace never arrived6), und auf der anderen Seite die Gemeinschaft des indigenen Volkes Nukak im Departement Guaviare, das als „letztes nomadisches Volk“ Kolumbiens gilt und vom Aussterben bedroht ist. Der zentrale Vorwurf ist die Ausnutzung der prekären Lage und rechtlichen Vertretung durch den abubaka (Anführer) der Nukak, um undurchsichtige Verträge über Kohlenstoffzertifikate für ihr 954.000 Hektar großes Reservatsgebiet zu schließen. Es handelt sich um einen Gebiet so groß wie die Hälfte des ganzen bayrischen Waldes.
Angesichts der geringen und schwachen Präsenz des Staates, da es sich um ein Gebiet handelt, das unter zentralistischen Regierungen historisch marginalisiert war, ist das Gebiet massiver Entwaldung ausgesetzt und zudem Schauplatz von Konflikten zwischen bewaffneten Gruppen (u.a. Dissidenten der FARC-Guerilla, Viehzüchter, Drogenhändler, Minenbetreiber). Unbekannt ist es auch nicht, dass Vertreibungen, gerichtliche Verfahren, und Verlust strategischer Verbündeter (vor allem NGOs) der Nukak, so wie Eingriffe in deren Autonomie an der Tagesordnung sind.
Perverse Wohltaten
Während im Amazonas Regenwald sowohl die Lebensgrundlagen indigener Völker, als auch die einzigartige Biodiversität, durch Brände und ausgetrocknete Flüsse unwiederbringlich zerstört werden, basiert die internationale Klimapolitik auf einem System, das solche Zerstörung nicht nur nicht beendet, sondern sie zynisch verwaltet und kommerzialisiert. Diese brutale, aber politisch und ökonomisch einkalkulierte Dynamik trifft diejenigen am härtesten, die am wenigsten zur aktuellen Klimakrise beigetragen haben. Die verarmtesten Länder der Welt sind nachweislich am anfälligsten für Klimafolgen, was die grundlegende Ungerechtigkeit des aktuellen Systems unterstreicht. Im Folgenden möchte ich im Lichte einiger philosophischer Ansätze Paulo Freires analysieren, wie CO₂-Emissionszertifikate – einst als marktwirtschaftliche und umweltfreundliche Lösung gefeiert – durch lobbyistische Einflüsse mittlerweile in erster Linie zur Rechtfertigung umweltschädlicher Handlungsweisen dienen. Statt zu echter Transformation anzureizen, verlängert und legitimiert dieses System so die Zerstörung der empfindlichsten Ökosysteme des Amazonas und überhaupt unseres Planeten.
Die Perversität dieses Lösungsvorschlags aus der Ebene der globalen Marktwirtschaft ist nicht zu verbergen. Im Lichte einer freireanischen Analyse lassen sich die Kompensationsmechanismen als besonders perfide Form der „Großzügigkeit“ der Unterdrückenden bezeichnen. Indigene Gemeinschaften wie die Nukak werden nicht nur ihres Landes beraubt, sondern ihre prekäre Situation wird zusätzlich instrumentalisiert, um Profit und Verschmutzungsrechte für Industrien des Globalen Nordens zu generieren. Dies entspricht genau dem, was Freire als „falsche Großzügigkeit der Unterdrückenden“ (a falsa generosidade dos opressores) beschreibt7 - eine scheinbare Wohltat, die in Wirklichkeit die Abhängigkeitsverhältnisse zementiert und die Unterdrückten in ihrer Opferrolle gefangen hält. Die Logik hinter Praktiken wie Greenwashing und politisch legitimierten Formen des CO₂-Emissionshandels offenbart eine verblüffende Parallele zu Paulo Freires Konzept der unterdrückenden „Großzügigkeit“. In seiner „Pädagogik der Unterdrückten“ beschreibt er, wie herrschende Systeme ihre Macht nicht nur durch Zwang, sondern auch durch scheinbare Großzügigkeit stabilisieren – durch Zugeständnisse, die gerade umfangreich genug sind, um grundlegende soziale Veränderungen zu verhindern. In diesem Sinne kann Freires Einsicht die Problematik erhellen, dass die herrschende Klasse – in diesem Fall große Konzerne, deren Geschäftsmodelle auf der Ausbeutung von Natur und Menschen basieren – keine genuine transformative Kraft für die Überwindung der ökologischen Krise entwickeln kann. Ihre Macht gründet strukturell auf jenem ungerechten System, das sie vorgeben reformieren zu wollen.
Die „falsche Großzügigkeit“, übersetzt hier als ökonomische Kompensationen für die systematische Zerstörung der Lebenswelt, schafft einen Zyklus der Abhängigkeit unter den historisch benachteiligten, unterdrückten Völkern, anstatt ihre Selbstbestimmung zu ermöglichen. Sie lädt die Unterdrückten ein, innerhalb der von den Unterdrückenden gesetzten Grenzen nach „Lösungen“ zu suchen – wie etwa nach „fairen“ Preisen für ihre Kohlenstoffzertifikate oder nach „besseren“ bzw. profitableren Kompensationsprojekten. Damit wird der eigentliche Konflikt – die grundsätzliche Legitimität, die Atmosphäre als Müllkippe zu nutzen und damit Handel zu treiben – irgendwie elegant umgangen. Die radikale Forderung nach einem Ende der Verschmutzung wird so in eine technokratische Debatte über deren effiziente Verwaltung übersetzt. Diese Kompensation ist somit keine Geste der Versöhnung, sondern eine Strategie der Entpolitisierung und ein Machterhaltungsinstrument, das den status quo schützt, während es den Anschein von Fortschritt und Kooperation zwischen Entwickelten und Unterentwickelten erweckt. Vielmehr sind die Herrschenden vollständig abhängig von Verhältnissen, die auf der Zerstörung von Lebenswelten und der Ausbeutung von Menschen bestehen. Die ihnen innewohnende Logik der Kapitalakkumulation und Machtzentralisierung steht damit im fundamentalen Widerspruch zur Logik des Lebens und der Freiheit der indigenen Bevölkerung des Regenwaldes, welche die Grundlage gegenseitiger Humanisierung bildet.
Anstelle von kapitalbasierten Transaktionen, die die Lage häufig verschlimmern – denn die Bedürfnisse der im Regenwald lebenden Menschen gehen deutlich über den Einfluß des Kapitals hinaus, was in der Konsumgesellschaft als lebensnotwendig gilt -, ist der authentische Dialog als Grundbedingung für Lösungsfindung zu betrachten. Hierin liegt die zentrale Herausforderung: Eine echte Begegnung zwischen den Zerstörer:innen und Bewahrer:innen der Lebenswelt ist nur möglich, wenn die bedingungslose Anerkennung der Menschlichkeit des Anderen jenseits aller ökonomisch-basierte Machtverhältnisse vorausgesetzt wird. Ähnlich wie in Freires Kritik am „Bankiers-Konzept“ der Bildung, bei dem Lehrende Wissen in die Lernenden „einzahlen“ und so die bestehende Unterdrückung konservieren, erscheint auch die Unterstützung „von oben“ in Form von Kompensationszahlungen für Umweltzerstörung als zynischer Widerspruch. Jeder Versuch, die Macht der Unterdrücker:innen lediglich zu „mildern“, mündet fast unweigerlich in diese Form der heuchlerischen Großzügigkeit, die den status quo nicht aufbricht, sondern vielmehr verfestigt.
Das zeigt sich im CO₂-Emissionshandel: Die „Großzügigkeit“ der Unterdrücker:innen besteht in der Einräumung von Verschmutzungsrechten und der Finanzierung von Kompensationsprojekten, die jedoch stets innerhalb der Logik des bestehenden Systems bleiben. Wie Freire bemerkt, fürchten die Unterdrückenden jede echte Begegnung bzw. jede Möglichkeit eines authentischen Dialogs, die das System, das sie begünstigt, in Frage stellen würde. Die scheinbare Kompensation durch CO₂-Emissionszertifikate bewahrt somit die grundlegende unterdrückende Machtstruktur, während sie den Anschein von Fortschritt und Verantwortungsübernahme erweckt.
Das führt uns zur Umsetzung eines globalen Prinzips der „erlaubten“ Verschmutzung und Zerstörung der Lebenswelt, und daher zur Notwendigkeit einer kritischen Betrachtung des sogennanten „Emissionshandelssystems“ (Emissions Trading System). Theoretisch funktioniert das Emissionshandelssystem (ETS) über eine Obergrenze (Cap) für Treibhausgase, die Zuteilung von Zertifikaten und deren Handel (Trade).8 In der Praxis jedoch anerkennt und institutionalisiert dieses System das „Recht“ auf Verschmutzung für diejenigen, die es sich leisten können. Es zielt nicht auf Null-Emissionen, sondern auf deren Optimierung innerhalb wirtschaftlicher Grenzen.
Logikwandel
Im Kontext einer globalen Krise von unvorstellbarem Ausmaß entsprechen Maßnahmen wie die willkürliche Einführung von Kohlenstoffzertifikaten dem, was in der Sprache Freires als „antidialogisches Handeln“ bezeichnet wird, da sie das grundlegende Moment der Begegnung auf Augenhöhe zwischen den verursachenden Unternehmen und den von der Umweltkatastrophe betroffenen Völkern nicht berücksichtigen. Die Lösung der Krise kann nicht von denen kommen, die sie nicht nur verursacht haben, sondern auch von ihr profitieren und darauf ihre wachsende politische Macht stützen.
Eine kritische Analyse – wie die bereits erwähnte Recherche im kolumbianischen Guaviare – würde deutlich machen, dass die großzügige, oft kostenlose Zuteilung von Zertifikaten an energieintensive Industrien in der Anfangsphase ein direkter Erfolg des politischen Marketings ist. In diesem Sinne spielt der Lobbyismus als Architekt des Systems eine zentrale Rolle. Die politische Gestaltung der Emissionshandelssysteme wird tatsächlich durch wirtschaftliche Interessen geprägt. Es ist leicht zu beobachten, wie Branchenverbände der Schwerindustrie, Energieerzeugung und Luftfahrt seit Beginn des EU-Emissionshandelssystems erheblichen Einfluss auf dessen Ausgestaltung ausübten.9 Ihre Strategien umfassten insbesondere die Durchsetzung von Ausnahmeregelungen und verlängerten Übergangsfristen für eingestufte Branchen, sowie die Förderung von Kompensationsmechanismen (Offsetting), deren problematische Auswirkungen sich besonders in sensiblen Regionen wie dem Regenwald zeigen.10 Der Preis der Umweltverschmutzung wird in der Tat anderswo, in den Regenwäldern, bezahlt. Die scheinbare Effizienz des Zertifikatehandels im Globalen Norden wird durch die Externalisierung der wahren Kosten in die Länder des Globalen Südens erkauft. Solche Kompensationsmechanismen, die grundsätztlich die ökologischen Kosten externalisieren, werden heute als eine Form des Carbon Colonialism betrachtet.11
Am Beispiel des indigenen Volkes der Nukak in Kolumbien wird dieser Neo-Kolonialismus besonders deutlich. Eine Gruppe von Politiker:innen und Unternehmer:innen instrumentalisierte das Volk, das in extremer Verletzlichkeit lebt, um Millionen-Deals mit Kohlenstoffkrediten aus ihrem 954.000 Hektar großen Territorium zu vermitteln. Während die Mittelsmänner nach profitablen Verträgen strebten, lebte die Mehrheit der Nukak vertrieben in provisorischen Siedlungen ohne grundlegende Versorgung, teils unter Bedingungen von Prostitution und Armut. Das zentrale Projekt (Deiyiabena Redd+) scheiterte letztlich, da eine unabhängige Prüfung durch Icontec (Instituto Colombiano de Normas Técnicas) die Validierung ablehnte. Die versprochenen Millionenerträge blieben aus, und das angeblich geschützte Gebiet war gleichzeitig von massiver Entwaldung betroffen. Allein im Verwaltungsgebiet Guaviare (einem der 32 Verwaltungsgebiete oder Departamentos Kolumbiens) im nördlichen Amazonas-Gebiet wurden zwischen 2020 und 2022 rund 27.188 Hektar Wald abgeholzt – teilweise innerhalb des Nukak-Reservats-, ungefähr der Fläche der Stadt München.
Die Sprache der Klimakompensation – mit scheinbar neutralen oder wohlwollenden Begriffen wie „Entwicklungszusammenarbeit“ und „Umweltpartnerschaften“ – verschleiert oft die eigentlichen unterdrückenden Machtverhältnisse. Wie Freire erkannte, dient diese „zähmende“ Pädagogik (pedagogia domesticadora) der Aufrechterhaltung der bestehenden Ordnung, nicht ihrer Transformation. Sie entpolitisiert den fundamentalen Konflikt und verwandelt ihn in ein technisches Management-Problem, vor allem durch eine propagandistische mediale Manipulation in der Öffentlichkeitsphäre. Daher ist eine kritische und tiefgreifende Auseinandersetzung mit der Begrifflichkeit der laufenden Ausbeutung und Verwüstung der Lebenswelt mehr denn je notwendig. Es gilt, die euphemistische Sprache zu dekonstruieren, die die Zerstörung als Geschäft und die Ausbeutung als Partnerschaft tarnt, um so den Weg für eine wahrhaft befreiende Praxis zu ebnen.
Was die historisch uterdrückten Gemeinden und Völker in Kolumbien (und in der ganzen Region) seit Jahrzehnten einfordern, ist ein echter Systemwandel, nicht die verwaltete Zerstörung ihrer Lebensgrundlagen. Diese Forderung hat sich insbesondere in Lateinamerika im Laufe des 20. Jahrhunderts in einer Vielzahl von Bauern- und Indigenenbewegungen (movimientos campesinos e indígenas) materialisiert – basisdemokratische Bewegungen, die sich gleichermaßen gegen die innewohnende Nekropolitik12 des kapitalistischen Systems und dessen „Demokratie von oben“ richten. Eine Regierungsform, die private Interessen systematisch über das Gemeinwohl stellt, wird von diesen sozialen Bewegungen nicht einfach abgelehnt, sondern durch radikal alternative Vorstellungen von Demokratie und Gemeinwohl (wie z.B. Befreiungspädagogik und Buen Vivir) herausgefordert. Anstelle einer herabgereichten, verwaltenden Politik, die im Fall der Emissionszertifikate sogar die Zerstörung selbst zur Ware macht, insistieren diese Basis-Bewegungen auf der Anerkennung ihrer Autonomie, ihrer territorialen Rechte und ihrer epistemischen Perspektiven. Sie kämpfen damit nicht nur für konkrete politische Ziele, sondern führen fundamental die Unvereinbarkeit einer auf Akkumulation und Extraktion basierenden Lebensweise mit der tatsächlichen Bewahrung des Lebens vor Augen. Ihr Widerstand ist die praktische Umsetzung der Kritik an einer „falschen Großzügigkeit“ und der lebendige Beweis für die Notwendigkeit, die Logik des Kapitals nicht zu managen, sondern zu überwinden.
Die CO₂-Emissionszertifikate in ihrer aktuellen Form dienen als politisches Feigenblatt. Sie schaffen einen Anschein von Aktivität gegen die sogenannte Klimakrise, während sie die zugrundeliegenden Macht- und Wirtschaftsstrukturen unangetastet lassen und die Last der Krise auf diejenigen abwälzen, die am wenigsten zu ihr beigetragen haben. Vor dem Hintergrund, dass die Vereinten Staaten und die europeischen Länder (inkl. England) für einen großen Teil der historischen Emissionen verantwortlich sind (neben China, Saudi Arabien und Indien) 13, die die heutige Klimakatastrophe verursacht bzw. verstärkt haben, wird die Ungerechtigkeit dieses Systems besonders deutlich.
Es bedarf einer grundlegenden Abkehr von einem System, das Umweltverschmutzung lediglich verwaltet, hin zu einer Politik, die diese konsequent beendet. Dies erfordert einerseits strikte Regulierungen und Verbote für die zerstörerischsten Praktiken, so wie dezentrale, erneuerbare Energiesysteme, die lokalen Gemeinschaften zugutekommen. Andererseits setzt die Stärkung der Landrechte indigener Völker, die sich als die effektivsten Hüter der Wälder erwiesen haben,14 voraus, was eine genuine Klimagerechtigkeit, die die historische Verantwortung des Globalen Nordens anerkennt und die Interessen der Ökosysteme sowie ihrer Bewohner über die Profitinteressen einer kleinen Gruppe stellt.
Die Ökonomisierung der Umweltverschmutzung durch den CO₂-Zertifikatehandel institutionalisiert nicht nur eine zunehmend unmenschliche Wirtschaftspolitik, sondern untergräbt auch die dialogischen Grundlagen eines solidarischen Nord-Süd-Austauschs. Diese Pervertierung von Klimaschutz zu einem Geschäftsmodell fördert zudem durch strukturelle Anreize und Zwänge eine „Korrosion des Charakters“15 unter den Unterdrückten – insbesondere bei sozialen Führungspersönlichkeiten und Unternehmer:innen, die aus Eigeninteresse zum Schaden der Gemeinschaft handeln. Was als marktwirtschaftliche Lösung daherkommt, entpuppt sich so als Mechanismus, der die grundlegenden Machtverhältnisse nicht nur bestehen lässt, sondern durch die Kommodifizierung von Natur und die Schaffung neuer Profitquellen sogar verstärkt. Diese Dynamik manifestiert sich in konkreten Fällen von Korruption, in denen die ohnehin prekären sozialen Gefüge in den betroffenen Gemeinschaften zusätzlich destabilisiert werden – ein weiterer Beleg für den fundamentalen Widerspruch zwischen der Logik des Kapitals und einer wahrhaft nachhaltigen und gerechten Entwicklung.
Die Geschichte der Nukak entlarvt das paradoxe Versprechen der Umweltverschmutzung-Kompensationen, da, anstatt den Wald zu schützen und die Bewohner:innen zu stärken, der Reiz des schnellen Geldes zu Ausbeutung, innerer Spaltung und einer weiteren Schwächung einer ohnehin schon extrem verletzlichen Gemeinschaft führt. Im Geiste Freires benötigen die Nukaks keine Kompensation innerhalb eines ungerechten Systems, sondern eine befreiende Pädagogik der ökologischen Transformation weltweit, die die Stimmen der Unterdrückten in den Mittelpunkt stellt und die strukturellen Ursachen der Klimakrise benennt und bekämpft. Echte Klimagerechtigkeit erfordert nicht die Verwaltung von Verschmutzungsrechten, sondern die demokratische Transformation unserer Produktions- und Lebensweise – eine Transformation, die nicht den Interessen des Kapitals, sondern der Würde aller Menschen und Ökosysteme verpflichtet ist.
1„Colômbia: os Nukak, o último povo nômade contatado“ https://www.wrm.org.uy/pt/node/12874
2Eine Studie bei Forensic Architecture untersucht die historische „kartografische Dominanz“ des kolumbianischen Staates über das Nukak-Volk in Guaviare mittels räumlicher, bildlicher und Datenanalyse. Sie stützt sich auf jahrzehntelange Arbeit von Menschen mit lokaler Erfahrung und unterschiedlichen Wissensformen, und dokumentiert eine Konstellation umweltzerstörender Praktiken – Abholzung, Brandrodung, chemische Besprühung, Rinderzucht und zerstörerische „Entwicklung“ – zur Unterwerfung des Landes und seiner Menschen. https://forensic-architecture.org/investigation/the-forest-under-detection
3Der Film „Los Nukak Makú, los últimos nómadas verdes“ (1993) (Die Nukak Makú, die letzten grünen Nomaden) dokumentiert die traditionelle Lebensweise der Nukak Makú und zeigt gleichzeitig ihr Verschwinden durch die fortschreitende Kolonisierung des Regenwaldes. https://www.senalmemoria.co/historia-indigena-nukakmaku
4“Nukak: desterrados y ahora usados en un turbio negocio de créditos de carbono”. Diese Untersuchung liefert ein sehr konkretes und gut dokumentiertes Fallbeispiel für die Problematik. Sie zeigt, wie das System der Kohlenstoffkompensation in der Praxis anfällig für Ausbeutung, undurchsichtige Geschäfte und die Instrumentalisierung indigener Gemeinschaften ist. https://voragine.co/historias/investigacion/nukak-siguen-desterrados-y-ahora-son-usados-en-un-turbio-negocio-de-creditos-de-carbono/
5Die Recherche von César Molinares und Diego Legrand, mit Unterstützung des Stipendiums „Relatos de Región: periodismo local que explica Colombia” (Regionale Berichte: lokaler Journalismus, der Kolumbien erklärt) des Ceper der Universidad de los Andes erschien am 27. Oktober 2025.
6https://insightcrime.org/news/miraflores-peace-never-arrived/
7Vgl. Freire, P. (2023). Pedagogía del oprimido. Paz e Terra.
8https://www.epa.gov/emissions-trading/how-do-emissions-trading-programs-work
9„Die Entwicklungen im Jahr 2024 auf Ebene der Branchen gegenüber dem Vorjahr 2023 sind sehr heterogen. Während 2023 alle Branchen rückläufige Emissionen verzeichneten, nahmen die Emissionen 2024 vor allem in der Nichteisenmetallindustrie (15 %) und der chemischen Industrie (9 %) stark zu. Leichte Anstiege der Emissionen zwischen 1,5 bis knapp 3 % konnten bei den Raffinerien, der Eisen- und Stahlindustrie, Industrie- und Baukalk und der Papier- und Zellstoffindustrie verzeichnet werden. Einzig bei der Zementklinkerherstellung ist ein Rückgang um 10 % zu verzeichnen.” https://www.umweltbundesamt.de/daten/klima/der-europaeische-emissionshandel#teilnehmer-prinzip-und-umsetzung-des-europaischen-emissionshandels
10Die Dimension wirtschaftlicher Interessen wird deutlich, wenn man betrachtet, dass etwa 78 fossile Kraftstoffunternehmen für über 70% der globalen industriellen CO₂-Emissionen verantwortlich sind und zugleich Billionen-Gewinne erzielten, während die sozialen Kosten ihrer Emissionen in ähnlicher Höhe lagen. https://influencemap.org/briefing/The-Carbon-Majors-Database-26913
Mittlerweile erzielten die fünf großen Ölkonzerne (ExxonMobil, Shell, BP, Chevron, TotalEnergies) im 2024 kombiniert über 102 Milliarden US-Dollar Gewinn. https://energy-profits.org/
11Dehm, Julia. (2016) Carbon colonialism or climate justice? Interrogating the international climate regime from a TWAIL perspective. Windsor Yearbook of Access to Justice (2016) 33.
12Während der Begriff der Nekropolitik erst viel später von Achille Mbembe eingeführt wurde, können seine Grundgedanken in den Werken von Paulo Freire und Erich Fromm antizipiert werden. In seiner „Pädagogik der Unterdrückten“ (veröffentlicht im Jahr 1968), die von Fromms humanistisch-psychoanalytischen Ideen ziemlich beeinflusst ist, entwickelt Freire eine fundamentale Kritik an Unterdrückungssystemen. Er analysiert, wie diese Systeme nicht nur die ökonomischen, sondern auch die geistigen und existenziellen Potenziale der Menschen unterdrücken und sie in einem Zustand der Dehumanisierung gefangen halten – ein Zustand, den Mbembe später als eine Form der ‚sozialen Tötung‘ oder Nekropolitik beschreiben würde. (vgl. Mbembe, Achilles. Necropolitics. 2003)
13„The 14 top carbon majors (the former Soviet Union, People’s Republic of China for coal, Saudi Aramco, Gazprom, ExxonMobil, Chevron, National Iranian Oil Company, BP, Shell, India for coal, Pemex, CHN Energy, People’s Republic of China for cement) represent 30% of the total cumulative anthropogenic CO2 emissions, including land use, about as much as the 166 other carbon majors combined (27%). From a national perspective, 33 carbon majors are headquartered in the United States, accounting for 10% of the total CO2 emissions, and 33 carbon majors are headquartered in China (12% of the total CO2 emissions).“ https://www.nature.com/articles/s41586-025-09450-9
14Zahlreiche Studien beweisen die Wirksamkeit der Konservierung von Wäldern unter Indigenen. Besonders erhellend finde ich die Studie der Vereinten Nationen Forest governance by indigenous and tribal peoples. An opportunity for climate action in Latin America and the Caribbean. „Die Regenwälder sind dort besonders gut geschützt, wo indigene Völker leben und die Verantwortung tragen. Die Rechte Indigener zu wahren und zu stärken, ist somit ein zentraler Bestandteil zum Erhalt der Wälder, der Artenvielfalt und im Kampf gegen die Klimakatastrophe.“ https://www.regenwald.org/news/10136/indigene-sind-die-besten-regenwaldschuetzer
15So wie Richard Sennett in seinem Buch „The Corrosion of Character: The Personal Consequences of Work in the New Capitalism“ bezeichnet.
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Durante los meses de invierno la Tertulia Freireana se realizará en la Sala de Reuniones del Nord-Süd-Forum (Vorderhaus) en el Eine-Welt-Haus München.
Während der Wintermonate findet die Tertulia Freireana im Besprechungsraum des Nord-Süd-Forums (Vorderhaus) im Eine-Welt-Haus München statt.
München
August 2025
Ab dem 28.8. treffen wir uns wieder um 19 Uhr im Eine-Welt-Haus, Schwanthalerhöhe.

Instagram: @TertuliaFreireana
Info: tertulias@alunaminga.org
Seit 2021 hat sich in München mit der „Tertulia Freireana“ ein interkultureller Lese- und Gesprächskreis etabliert, der sich der kritischen Pädagogik und politischen Bildung widmet. Alle zwei Wochen treffen sich im Eine-Welt-Haus Interessierte – unabhängig von Alter, Beruf, Geschlecht oder Religion –, um gemeinsam Texte zu lesen und zu diskutieren, die sich mit Pädagogik und gesellschaftlichen Herausforderungen auseinandersetzen. Es ist vor allem ein „Raum für die Reflexion im Lichte des interkulturellen, literarischen und philosophischen Dialogs“. Anhand philosophischer und literarischer Texte werden alltägliche Situationen hinterfragt und mit der eigenen Lebenserfahrung in Dialog gebracht. Die Bezeichnung der Tertulia verweist dabei auf den ungezwungenen, geselligen Charakter der Zusammenkünfte: Eine Tertulia bezeichnet in Spanien und Lateinamerika Treffen zum interkulturellen Austausch, einem Literaturcafé nicht unähnlich. Diese Praxis entspricht Freires Konzept des “Lesens der Welt” – einer Methode, die Textlektüre als Übungsfeld für gesellschaftliche Reflexion versteht.

Wir treffen uns jeden zweiten Donnerstag um 19 Uhr im Eine-Welt-Haus – ganz ohne Leistungsdruck oder Vorkenntnisse. Gemeinsam nähern wir uns den Texten Schritt für Schritt: Wir erkunden, was der Autor/die Autorin sagen könnte, diskutieren unterschiedliche Interpretationen und fragen uns: Was bedeutet das für uns heute? Jede Stimme zählt: Ob literarische Passage, philosophisches Problem oder aktuelle Debatte – wir ermutigen dazu, im Dialog eigene Fragen zu stellen, Widersprüche zu benennen und gemeinsam Erkenntnisse zu formulieren.
Widerstand und Versöhnung in "Yo Voy Ganao"
danny.carvajal@alunaminga.org
Yo salgo es a buscar
Mi Mojarra frita, camarón,
Chipi chipi y mi caldero de arroz.
Yo voy ganao
Im Jahre 2013 hat die kolumbianische Band Systema Solar ihr Album „La Revancha del Burro“ veröffentlicht. Hier wird verdeutlicht, wie Musik als Mittel kultureller Bestätigung sowie sozialer Kritik wirkt. Die Musikband ist seitdem weltweit bekannt worden. In Deutschland gab es in den letzten Jahren mehrere Konzerte und andere Art von Veranstaltungen, sowie Anklang bei Künstler:innen der kolumbianischen Diaspora, zivilgesellschaftlichen Organisationen und Partybegeisterten.
In der Geschichte kolonisierter Völker, denen ihre eigenständige Geschichtserzählung entrissen wurde, entwickelten sich künstlerische Ausdrucksformen stets zu zentralen Widerstandspraktiken – insbesondere durch Musik und Tanz. Kultur entsteht genau dort, wo Menschen das dringende Bedürfnis verspüren, ihr eigenes Wort zur Welt zu ergreifen. Sie gewinnt ihren befreienden Charakter insbesondere an zwei Schwellen: dort, wo Sprache an ihre Grenzen stößt, und dort, wo sich Unterdrückung in entfremdenden Symbolen und Praktiken institutionalisiert.
Der Song „Yo Voy Ganao“ ist dabei in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert. Neben dem tanzbaren Rhythmus lässt sich eine tiefere Botschaft übermitteln: Freude an der ländlichen, karibischen Kultur in Kolumbien und eine klare Kritik am westlichen Erfolgsmodell. Dieser Song feiert einfache Freuden des Alltags – wie „mojarra frita“ (gebratener Fisch) oder ein „Caldero de arroz“ (Reistopf) – als Symbole einer selbstversorgerischen Lebensweise. Der Ausdruck „Yo voy ganao“ bedeutet umgangssprachlich „Ich bin auf dem richtigen Weg“ oder „Mir geht's hervorragend“ – trotz (oder gerade wegen) eines Lebens abseits von Reichtum und Großstadt.
Es handelt sich hier vor allem um eine Kritik an einer entfremdenden Globalisierung und dem von ihr geförderten Konsumverhalten. „Yo no quiero ganarme millones / Yo no quiero quedarme de New Yores“ („Ich will keine Millionen verdienen / Ich will nicht in New York bleiben“). Hier wird erkannt, wie die Botschaft Systema Solar das kapitalistische Erfolgsdenken ablehnt, und gleichzeitig ein alternatives Lebensmodell fordert – eins, das nicht-konsumorientierte Aspekte wie Gemeinschaft, Autonomie und Freude betont. Die Musik von Systema Solar ist eine performative Kritik, eine permanente Aufforderung, die eigene Haltung ständig zu hinterfragen und, wenn möglich, jegliche Unterschiede und Widersprüche durch das Tanzen in Einklang bringen
Es ist ein zutiefst verbindender Sound, der Seele und Körper sofort zum Tanzen bewegt. Cumbia, Champeta, Currulao, Techno und andere kraftvolle Rhythmen, historisch aufgeladen durch den tiefen Wunsch nach Befreiung (viele dieser Rhythmen entstanden im Kontext von Sklaverei oder anderen, subtileren Formen der Unterdrückung). „Yo voy ganao“ wie auch andere Songs des Albums kritisieren nachdrücklich die Auffassung, dass das menschliche Leben auf die Produktion und Akkumulation von Kapital reduziert werden könnte. Es vermittelt auch eine emanzipatorische Botschaft in unserer Zeit, nämlich, Arbeit als eine würdige Handlung zurückzufordern, und unseren Handlungen einen Sinn zu verleihen, der über das bloße Überleben hinausgeht.
Der Titel des Albums – „La Revancha del Burro“ („Vergeltung des Esels“) – steht symbolisch für die Aufwertung des „Einfachen“. Der Esel, oft zum Arbeitstier reduziert und als Zeichen von Rückständigkeit angesehen, wird hier zum Symbol des Widerstands und der kulturellen Selbstbehauptung. In einer Zeit normalisierter Verschwendung von Gütern sind Aussagen wie „Ni tengo ni necesito“ („Ich habe weder noch brauche ich”) sowie die Aufforderung, einfach und mit Freude zu leben. In der Art von Selbstgenügsamkeit mit dem, was es unmittelbar gibt, sowie mit den Errungenschaften der Gemeinschaft werden das Einfache und das Lokale beansprucht und hervorgehoben.
Statt mit Wut oder Klagen bringt Systema Solar seine Kritik durch Feier, Rhythmus und Humor zum Ausdruck. Ihre Botschaft lautet: Die Musik, das Essen und die Kultur der Küstenregionen sind wertvoll – und sie sind politisch, gerade weil sie oft übersehen oder unterschätzt werden. Es bedarf keiner expliziten philosophischen Bezüge, um in diesen musikalischen Werken Elemente zu erkennen, die den Appetit auf Transzendenz im „Alltäglichsten“ und Immanenten anregen, den Genuss des Lebens. Das Werk von Systema Solar zielt darauf ab, in der Freude am Leben selbst Befriedigung zu finden, indem es die Tugend anerkennt, sich seine Nahrung durch die tägliche Arbeit zu verdienen. Es regt auch dazu an, die Verantwortung für die Entscheidung zu übernehmen, einen Platz auf dem Planeten einzunehmen, der gepflegt werden muss und wo auch andere Lebensformen leben.
„Yo Voy Ganao“ ist mehr als nur ein Gute-Laune-Lied. Es ist eine kulturelle und politische Erklärung, eingebettet in ein Album, das sich der Würde und Sichtbarkeit der kolumbianischen Küstenbevölkerung verschreibt. Es feiert das Leben, stellt Konventionen in Frage – und tut das mit einem Lächeln und einem Beat.

Instagram: @TertuliaFreireana
Die Tertulia Freireana ist ein gemeinschaftlicher Raum, in dem wir durch interkulturellen, literarischen und philosophischen Dialog kritische Perspektiven entwickeln. Im Mittelpunkt steht der Austausch auf Augenhöhe: Wir lesen, interpretieren und diskutieren gemeinsam ausgewählte Texte, um gesellschaftliche wie persönliche Fragestellungen neu zu beleuchten. Dabei verbinden wir die Freude am Denken mit dem Ziel, Handlungsmöglichkeiten für die Gegenwart zu entdecken.
Wie läuft eine Tertulia ab?
Wir treffen uns jeden zweiten Donnerstag um 19 Uhr im Eine-Welt-Haus – ganz ohne Leistungsdruck oder Vorkenntnisse. Gemeinsam nähern wir uns den Texten Schritt für Schritt: Wir erkunden, was der Autor/die Autorin sagen könnte, diskutieren unterschiedliche Interpretationen und fragen uns: Was bedeutet das für uns heute? Jede Stimme zählt: Ob literarische Passage, philosophisches Problem oder aktuelle Debatte – wir ermutigen dazu, im Dialog eigene Fragen zu stellen, Widersprüche zu benennen und gemeinsam Erkenntnisse zu formulieren.
Warum Gemeinschaftlichkeit?
Kritisches Denken entsteht für uns im Miteinander. Deshalb legen wir Wert auf eine lockere, einladende Atmosphäre: Teilnehmer:innen sind eingeladen, Speisen oder Getränke zu teilen, um im Gespräch auch zwischen den Zeilen Verbindungen zu knüpfen. Hier geht es nicht um Expertise, sondern um Neugier, Respekt und die Überzeugung, dass wir durch Vielfalt der Perspektiven klüger werden.
Für wen?
Die Tertulia Freireana lebt von Menschen, die bereit sind, sich auf Unerwartetes einzulassen – ob Studierende, Künstler:innen, Aktivist:innen, Akteur:innen der Zivilgesellschaft oder einfach Neugierige. Unsere Diskussionen führen wir hauptsächlich auf Deutsch, doch der Raum ist bewusst mehrsprachig: Beiträge auf Spanisch, Portugiesisch oder Englisch sind willkommen!
Bring deine Gedanken, deine Zweifel und gerne auch ein Stück Kuchen mit – und keine Sorge, wir unterstützen uns gegenseitig beim Übersetzen und Verstehen!

Tertulia filosófica en Múnich

Der Kampf um Transformation: Das Verständnis von Angst und kritischem Bewusstsein bei Kierkegaard und Paulo Freire.
Gespräch mit Tales Macêdo da Silva
An diesem Sonntagnachmittag, dem 24. November, findet ein philosophisches Treffen statt, zu dem ihr Snacks oder etwas zum Teilen mitbringen könnt.
Tales Macedo, Dozent an der Katholischen Universität von Pernambuco (Recife, Brasilien) wurde für das Gespräch eingeladen.
Die Veranstaltung findet auf Portunhol, Deutsch, Alemañol und Portugiesisch statt.
Thema: Das Konzept der "Angst" bei Kierkegaard und das "kritische Bewusstsein" bei Paulo Freire.
Kontakt: Danny Carvajal, tertulias@alunaminga.org

Tertulia Freireana ist ein Raum für die Reflexion im Lichte einer interkulturellen, literarischen und philosophischen Auseinandersetzung. Die Tertulias finden alle zwei Wochen donnerstags statt, und es sind keine Vorkenntnisse erforderlich. Ziel ist es, jeden vorgeschlagenen Text zusammen zu lesen, zu interpretieren und zu diskutieren, eine hermeneutische bzw. kritische Annäherung an die aufgeworfenen Themen und Probleme vorzunehmen. Es handelt sich um eine dialogische Übung, um Einsichten zu gewinnen, aktuelle gesellschaftliche und persönliche Probleme tiefer zu verstehen und anzugehen.
Bei den Tertulias stehen spontane und freundschaftliche Begegnungen im Vordergrund, weshalb auch die Teilnehmer:innen Essen und Trinken mitbringen und mitteilen können.
Ort: Raum 108, Eine-Welt-Haus, München
Kontakt: Danny Carvajal, tertulias@alunaminga.org
Instagram: @TertuliaFreireana
Lesekreis Tertúlia Freireana
Día Internacional de las Víctimas de Desapariciones Forzadas

El 30 de agosto, Día Internacional de las Víctimas de Desapariciones Forzadas, la Oficina Ecuménica por la Paz y la Justicia y la Coalición Alemana contra las Desapariciones Forzadas, en cooperación con Pacta Servanda e.V., Freizeittreff Au (FZT) y Aluna Minga e.V., le invitan a una intervención pública especial en Königsplatz en Múnich.
El acto presentará los resultados del taller «Siluetas de esperanza», en el que l*s participantes diseñaron obras creativas como máscaras y siluetas con materiales reciclados, bajo la dirección del artista colombiano Jorge Hidalgo (http://www.jorge-hidalgo.de/). Las obras diseñadas conjuntamente, que abordan el fenómeno de las desapariciones, se expondrán como parte de una instalación artística en la Königsplatz de Múnich.
Por otro lado, el programa del 30 de agosto en Múnich ofrece al público la oportunidad de ver la exposición itinerante sobre las desapariciones forzadas en México «WO SIND SIE? KEIN MENSCH VERSCHWINDET SPURLOS».
La exposición muestra 30 paneles expositivos de gran formato, sobre casos individuales de todo México, de más de cuatro décadas -desde la época de la llamada «Guerra Sucia» hasta nuestros días-. La exposición fue desarrollada en 2017 por el Grupo de Coordinación de País de México y Centroamérica (CASA) de Amnistía Internacional en Hamburgo, asumida posteriormente por la organización Partner Südmexikos e.V.
https://partnersuedmexikos.exposure.co/wo-sind-sie-kein-mensch-verschwindet-spurlos
Al final de la jornada, la artista argentina «Encantada» (@encantada.music) ofrecerá un concierto acústico con temas musicales para conmemorar a las víctimas de desapariciones forzadas en América Latina. Trova y poesía cantada desde el Sur, en solidaridad con las víctimas y contra el olvido.
¡Vengan! Les invitamos a unir nuestras voces este próximo 30 de agosto, Día Internacional de las Víctimas de Desapariciones Forzadas, para denunciar esta grave violación de los derechos humanos. Para enviarle junt*s, un mensaje solidario a los Colectivos de búsqueda, a las familias y madres que buscan:
¡No están solas!
¡Hasta Encontrarles!
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