Der „Klang“ der Befreiung

Glorificar a democracia e silenciar as pessoas é uma farsa; dar um discurso de humanismo e negar as pessoas é uma mentira.
- Paulo Freire

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danny.carvajal@alunaminga.org

Die Herausforderungen der Menschen jeder Epoche bedürfen künstlerischer Ausdrucksformen, die die Unstimmigkeiten und sogar Unmöglichkeiten der verbalen Sprache auflösen. Die Sprache stößt schnell an ihre Grenzen, wenn ein Mensch versucht, die eigene konkrete Existenz in dem bestimmten Moment der Geschichte zu beschreiben oder zu definieren. Es bedarf der Zusammenfassung, der Situierheit in der Geschichte, die über Jahrtausende hinaus geht. Das stellt eine tatsächlich unmögliche Aufgabe dar.

In diesem Sinne tritt die Kunst dort in Erscheinung, wo das Sagbare erschöpft wird und noch viel zu erzählen bleibt. Die Musik hat unter allen Künsten die Möglichkeit, die Sinne und das Gemüt überaus stark zu beeinflussen und dauerhaft zu prägen. Die Schwingungen, die mit der Haut in Kontakt kommen und das Hörorgan anregen, werden vom Körper aufgenommen und schaffen eine Umgebung, in der die Melodie oder die gesprochenen Sätze vom Verstand erfasst werden. Dies ist vielleicht die beste Art und Weise, den Geist zu nähren. Daher betonten die Philosophen der Antike die Bedeutung der Musik im Bildungsprozess des Menschen: Man muss sich um die Seele kümmern, daher muss man vorsichtig sein mit der Musik, die man hört.

Heutzutage haben wir eine überwältigende Auswahl an Möglichkeiten, ein unendliches Angebot an Liedern, Rhythmen und Genres, an denen wir uns erfreuen können. Die Tendenz zur Monotonie jedoch, die schon von klein auf gefördert wird (wenn man bedenkt, dass die beliebtesten Kinderlieder im Internet nicht unbedingt die ausgefeiltesten sind) und sich in Begegnungs- und Freizeiträumen durchsetzt, füllt die Freizeit mit bloßer Ablenkung, ohne Inhalt oder Komplexität zu bieten, und hinterlässt einen spirituellen Notstand, einen Mangel, einen Verfall dessen, was den menschlichen Geist zum Göttlichen erheben könnte.

Musik hat die Kraft, uns in einen Dialog mit der Welt, mit der Geschichte und mit der Menschheit zu versetzen. Die zu einer Ware gewordene Musik ist wie ein Körper ohne Seele, eine bloße Erscheinung, etwas Vergängliches und Unbedeutendes. Musik lässt sich in diesem Sinne mit Essen vergleichen: Es gibt Junkfood und es gibt gesunde Ernährung. In jedem Fall besteht die Möglichkeit der Wahl, eine Möglichkeit, die verschwindet, wenn sie nicht genutzt wird. Dann müssen wir uns dem unterwerfen, was andere für uns wählen. Hier stehen wir vor der fast ewigen philosophischen Frage: Sind wir überhaupt frei zu wählen? Wir wählen auf der Grundlage dessen, was wir wissen, und unser Wissen stammt aus Erfahrung. Wie erlangt man diese Erfahrung, diese wertvolle Quelle des Wissens und der Urteilsfähigkeit, wenn es um den Musikgeschmack geht?

Genau wie im alltäglichen Umgang mit anderen Menschen sind Offenheit und Ehrlichkeit als Grundhaltung und die Fähigkeit, mit anderen mitzufühlen, die sogenannte Empathie, eine Voraussetzung für den Aufbau von Beziehungen. Beziehungen sind dialogische Prozesse, sie sind im Grunde genommen Kommunikation auf existenzieller Ebene. Die Fähigkeit, den anderen als „Du” im Sinne Bubers anzuerkennen, wird auch durch Musik als Bildungsressource gefördert. Der innere Dialog zwischen der eigenen Erfahrung und der Erfahrung des Künstlers findet statt, wenn wir uns in dieser Haltung der existenziellen Offenheit befinden. Dann bewegt uns Musik und verwandelt uns. Wir sind nicht mehr dieselben Menschen, nachdem wir ein Lied gehört haben, das unsere Existenz anspricht und den Horizont unserer Erfahrung erweitert. Laut der freireanischen Maxime: „Bildung verändert die Welt nicht. Bildung verändert die Menschen, und Menschen transformieren die Welt”, ist der Mensch im Mittelpunkt für eine Transformation der Lebensumstände, eine Veränderung der Welt.

Der sowjetische Künstler Viktor Tsoi ist ein Revolutionär, der aus der Asche eines entmenschlichenden, veralteten und verstaubten Regimes neue Hoffnungen für das Leben und den Aufbau einer neuen Welt entstehen lässt. Seine Musik zeichnet sich durch Dringlichkeit aus. Das dringende Bedürfnis zu leben, denn das Leben ist vergänglich und die Zeit, unsere wertvollste Ressource, wird uns genommen. Zunächst muss man sich dessen bewusst werden.

Sowohl Freire als auch Tsoi entwickelten ihr Werk aus den eigenen Erfahrungen mit Totalitarismus, unterdrückerischen Regimes und sozialen Strukturen, die darauf ausgerichtet waren, Menschen zu verdinglichen und zu unterdrücken. Unter ihren Hauptthemen gibt es viele Gemeinsamkeiten. Einer der wiederkehrenden Punkte ihrer sozialen Kritik ist die systematische Entmenschlichung der sozialen Beziehungen und damit die Schaffung einer „industriellen” Welt (im wahrsten Sinne des Wortes, basierend auf Ausbeutung der Arbeit und Produktion von Gütern), in der Liebe und Lebenswillen keinen Platz zu haben scheinen. Beide können als Vertreter dessen angesehen werden, was man philosophisch als „postnietzscheanischen Vitalismus” (d.h. eine bedingungslose Bejahung des Lebens und die Betonung der Freiheit als Verantwortung in einer Gemeinschaft) bezeichnen könnte.

Die Einbeziehung der Perspektive von Paulo Freire bereichert die vorliegende Analyse von Viktor Tsois berühmtem Lied „Дальше действовать будем мы“ (Wir werden weitermachen) erheblich, und verwandelt sie von einem einfachen Protestsong in eine pädagogische Angelegenheit über die Befreiung der Unterdrückten. Aus einer historischen Perspektive können wir diesen Song als Ausdruck der „Bewusstseinsbildung“ (conscientização) nach Freire im Kontext der sowjetischen Perestroika analysieren. Die Säulen von Freires Denken, vor allem aus seinem grundlegenden Werk „Pädagogik der Unterdrückten” können in drei Begriffen zusammengefasst werden: das „Bankier-Modell” der Bildung (Educação bancaria), die Bewusstseinsbildung (Conscientização), und der Dialog (Diálogo).

Ein unterdrückendes System behandelt Individuen wie leere Gefäße, die mit dem Wissen und den Werten des Unterdrückers gefüllt werden müssen. In diesem Sinne ist das Bankier-Modell die Grundlage eines Systems, das Menschen zum „Mittel zum Zweck“ reduziert, das sie als Arbeitstiere domestiziert und deren Fähigkeit zu denken und die eigenen Lebensumstände zu schaffen verneint. Daher die Notwendigkeit eines Weges, der zur Conscientização führt. Es ist der kritische Prozess, durch den die Unterdrückten im Dialog nicht nur ein Bewusstsein bzw. eine Meinung über die unterdrückerischen Strukturen entwickeln, sondern sich selbst als Subjekte erkennen, die in der Lage sind, ihre Realität zu verändern. Da haben wir den Dialog, ein zentrales Element der Befreiungspädagogik. Er ist nicht nur ein bloßer Austausch von vor-formulierten Worten, sondern der grundlegende Akt der Befreiung in der existenziellen Begegnung eines Selbstbewusstseins mit einem anderen. Es ist die Praxis, durch die sich Menschen als unvollendete Wesen erkennen und gemeinsam an der Gestaltung der Welt mitwirken. Subjekte statt Objekte. Die befreiende Pädagogik zielt darauf ab, dass die Unterdrückten aufhören, passive Objekte („Wesen für andere”) zu sein, und zu Subjekten ihres eigenen Schicksals („Wesen für sich”) werden.

„Дальше действовать будем мы“ von Viktor Tsoi ist grundsätzlich eine Generationshymne des werdenden Seltbstbewusstseins und eine direkte Ablehnung des „bankartigen“ Bildungs- und Sozialmodells. Dieses, sowie viele andere Lieder von Tsoi, appelliert an die Hoffnungslosigkeit und die Enttäuschung einer ganzen Generation von unterdrückten, verarmten, entfremdeten Menschen. Tsoi ist das peripherische selbstbewusstwerdende Subjekt, das die Konformität und Anpassung nicht mehr toleriert.

Мы хотим видеть дальше
Чем окна дома напротив
Мы хотим жить, мы живучи как кошки
И вот мы пришли заявить
О своих правах, да
Слышишь шелест плащей, это мы

Wir wollen weiter sehen
Als die Fenster des Hauses gegenüber
Wir wollen leben, wir sind lebhaft wie Katzen
Und nun sind wir gekommen, um
Unsere Rechte geltend zu machen, ja
Hörst du das Rascheln der Regenmäntel, das sind wir

Die Rolle der Musik im Bildungsprozess lässt sich dadurch erkennen, dass sie nicht domestiziert, sondern befreit. Der Prozess der Entwicklung eines kritischen Bewusstseins – für die Transformation der sozialen und politischen (Un)Ordnung– besteht darin, unterdrückerische Strukturen zu erkennen und gegen sie vorzugehen. Der Satz „Wir wollen weiter sehen / Als die Fenster des Hauses gegenüber”. Drückt den Wunsch aus, die begrenzte und unkritische Sichtweise der Realität (in Freires Werk durch die „Kultur des Schweigens” bezeichnet) zu überwinden, die vom System auferlegt wird. Sie ermöglicht es den Unterdrückten, ihre Menschlichkeit zurückzugewinnen und an der Transformation ihrer Welt mitzuwirken. Tsoi sagt es explizit „Und siehe da, wir sind gekommen, um unsere Rechte zu verkünden”. Es ist der Akt, die konkrete historische Situation zu benennen und Handlungsfähigkeit einzufordern, ein wesentlicher Schritt zur Befreiung.

Мы родились в тесных квартирах
Новых районов
Мы потеряли невинность
В боях за любовь
Нам уже стали тесны одежды
Сшитые вами для нас одежды

Wir wurden in beengten Wohnungen
Neuer Stadtteile geboren
Wir haben unsere Unschuld verloren
Im Kampf um die Liebe.
Die Kleider, die ihr für uns genäht habt,
sind uns schon zu eng geworden.

Diese Verse aus der Peripherie spiegeln das Wissen, die Werte und die vordefinierten sozialen Rollen wider, die die vorherige Generation zu vermitteln versuchte.

Genauso wie Freire plädiert Tsoi für die Bewusstseinsbildung als Möglichkeitsbedingung einer Humanisiserung (humanização) der Gesellschaft. Die Unterdrückten müssen aufhören, passive Objekte („Wesen für andere“) zu sein, und zum kollektiven Subjekt (der Plural wird tatsächlich betont) ihres eigenen Schicksals („Wesen für sich“) werden. Der sich wiederholende Refrain „Wir werden von nun an handeln“ ist eine kollektive Bekräftigung, historische Subjekte, Akteure des Wandels und nicht mehr passive Zuschauer zu werden. Die Verknüpfung des theoretischen Rahmens von Freire mit dem Werk von Tsoi führt zu einer tieferen Interpretation, da das Lied nicht nur eine Klage ist, sondern eine Übung in kritischer Pädagogik an sich.

Tsoi ist ein vielseitiger Künstler, und um sein Werk zu interpretieren, bedarf es einer umfangreichen interdisziplinären Arbeit. Seine Sozialkritik und seine klare und entschiedene Haltung gegen Krieg, Militarisierung und Entmenschlichung der Welt als unmittelbare Bedrohung des Schönen und des Lebens zeugen von der Größe seines Geistes. Seine Musik überwindet Generationen und geopolitische Grenzen. Der Sinn und Zweck seines Kampfes ist die Befreiung des Menschen, die nur in einer kollektiven Form des Seins, einem „Wir”, möglich ist. Die Generation „wir” begibt sich auf die Reise der Bewusstwerdung, so wie bei Freires Darstellung einer befreienden Praxis. Sie startet aus einer, in den Worten Freires, „Kultur des Schweigens” (der Passivität, nur die Fenster gegenüber zu betrachten) heraus und bewegt sich hin zur Ausübung von Freiheit (ihre Rechte zu erklären und anzukündigen, dass sie handeln werden).

Tsois Botschaft spiegelt das Ideal Freires wider, indem die Unterdrückten (die sowjetische Jugend des Unterganges) nicht auf die Befreiung durch ihre Unterdrücker warten, sondern sich selbst als die einzigen Akteure sehen, die diese Befreiung herbeiführen können. Wie Freire schrieb: „Die Unterdrückten müssen sich selbst ein Vorbild sein im Kampf um ihre Erlösung.” Im Wesentlichen könnte ein Lied wie „Дальше действовать будем мы“ wohl die Klanglandschaft der Pädagogik der Unterdrückten sein. Es ist der Klang einer Generation, die ihre Welt gelesen hat und sich nun anschickt, sie neu zu schreiben, indem sie sich weigert, das Archiv eines Systems zu sein, das sie gefügig und still haben wollte. Für Freire ist es klar, dass, um die Gesellschaft neu zu gestalten, es zunächst imperativ ist, die Welt lesen zu können (a leitura do mundo).

Das zentrale Konzept der Praxis bei Paulo Freire und seine Manifestation in der sowjetischen Gegenkulturbewegung wird verkörpert durch Viktor Tsoi. Der kollektive Charakter der Praxis – d.h. die untrennbare Einheit von Handeln und Reflexion– übermittelt den Schlüssel zum Verständnis, warum diese Bewegung nicht nur Ausdruck von Tsois Unzufriedenheit war, sondern ein historischer Faktor des Wandels. Wahre Befreiung kann weder nur ein Akt der Reflexion (bloße Theorie) noch nur ein Akt impulsiven Handelns (blinder Aktivismus) sein. Praxis, laut Freire, ist der dialektische Prozess, in dem wir kritisch über die unterdrückende Welt nachdenken, handeln, um diese Welt zu verändern, und erneut über unser Handeln nachdenken, um es zu bewerten und daraus zu lernen. Dieser Kreislauf ist das Wesen des Kampfes der Unterdrückten für ihre Menschlichkeit. „Niemand befreit jemanden, und niemand befreit sich selbst. Menschen befreien sich in Gemeinschaft“, so Freire. Diese „Gemeinschaft“ ist der Raum der kollektiven Praxis.

Die sowjetische Underground-Rockbewegung der 80er Jahre und insbesondere Kino (Viktor Tsois Band) ist ein paradigmatisches Beispiel für Freires Praxis. Ihre Hauptbühne waren nicht die großen Stadien, sondern winzige Wohnungen, die sogenannten „Rockküchen“ (рок-кухня). Der existenzielle Charakter spricht die einfachen Menschen der Peripherie an, für die die Küche zur Begegnung- und Bezugsort und Referenzpunkt für die Existenz wird, da der alltägliche Kampf und allererste Priorität darin besteht, am Ende des Tages etwas zu Essen auf den Tisch zu bringen. Eine Reflexion in der Küche, musikalisch geübt als kritischer Dialog, bildet Räume der Befreiung, analog zu Freire'schen Kulturkreisen. Dort hörten die Jugendlichen nicht nur Musik, sondern trafen sich auf Augenhöhe und führten existenzielle Dialoge. Sie reflektierten kritisch über die Realität, in der sie lebten, über die Heuchelei des Systems, die Leere der Propaganda, die Kluft zwischen den Versprechungen und ihrem Leben in den „neuen Distrikten”.

Tsois Texte waren zugleich Ausgangspunkt und Zusammenfassung für diese Dialoge. Der Satz „Unsere Kleider werden uns schon zu eng ...” war nicht nur eine Metapher, sondern ein Thema der Debatte und der kollektiven Anerkennung der konkreten Situation in der Peripherie des Systems. Aber die Reflexion blieb nicht in der Küche. Sie führte zu konkreten demokratisierenden Aktionen, wie die Musik aufzunehmen und zu verbreiten. Das heimliche Aufnehmen von Musik auf Kassetten (Магнитиздат) und deren Weitergabe von Hand zu Hand war ein politischer Akt von enormer Bedeutung. Es war die Schaffung eines freien Kommunikationsnetzwerks außerhalb der Kontrolle des Staates.

Heute ist nicht mehr der Staat, sondern der Markt, der über alle Ressourcen zu verfügen und alles zu kontrollieren versucht. In Zeiten des Streamings und der Monetarisierung jeder Sekunde Musik wird für unsere Generation der Sinn für Wertschätzung verzerrt. Einerseits sind die Folgen für die Umwelt verheerend, wenn man den unverhältnismäßigen Energieverbrauch der großen Server und den Datenverkehr im Internet berücksichtigt. Andererseits macht es uns abhängig von einem bestimmten Gerät und einer Internetverbindung. Außerdem müssen wir einen digitalen Dienst abonnieren, um auf Musik zugreifen zu können, die auf einem Mega-Server gespeichert ist, auf den man ohne die Vermittlung kommerzieller Plattformen, d. h. ohne ein kostenpflichtiges Abonnement, keinen Zugriff hat. Das ist in gewisser Weise eine Verleugnung der der Kunst innewohnenden Freiheit und Kraft. Musik zu teilen und sie mit möglichst wenigen Hindernissen zugänglich zu machen, ist ein menschlicher Akt, genauso wie das Teilen eines Gedichts, einer Idee oder jeder anderen Delikatesse zur Freude des Geistes.

Der öffentliche Raum ist der Ort schlechthin des Dialogs. Das regelmäßige Sich-Treffen im Öffentlichen ist ein Schritt weiter in der Gestaltung einer demokratischen Gesellschaft. Tsois Konzerte in einem Parkplatz oder einer Schule waren eine Besetzung des öffentlichen Raums, ein physischer Beweis für die Existenz einer demokratisierenden Kultur. Nun ist das Lied selbst eine unmittelbare Ankündigung; „Дальше действовать будем мы” in einem vollen Auditorium zu singen, war selbst eine performative Handlung. Es beschrieb keine zukünftige Revolution, es war ein revolutionärer Akt in diesem Moment. Es war die Umsetzung der Erklärung der Autonomie. Nun der Erfolg dieser Aktionen (die Energie eines Konzerts, die schnelle Verbreitung eines Liedes) nährte neue Reflexionen im Bewusstseinsbildungsprozess der Unterdrückten, derart wie „Wir sind viele. Wir haben Macht. Unsere Stimme zählt.” Diese neue Gesinnung führte zu mutigeren Aktionen und schloss den Kreislauf der Praxis. Im Laufe der Karriere von Tsoi sehen wir eine bewundernswerte Entwicklung, von Auftritten in Küchen füllten sie gegen Ende der Sowjetzeit Stadien.

Viktor Tsoi war ein Vermittler, ein „Erzieher-Erziehender” im Sinne von Freire. Sein Genie bestand darin, die kritische Reflexion seiner Generation in Liedern zusammenzufassen, die gleichzeitig Werkzeuge zum Handeln waren. Das Lied „Дальше действовать будем мы” ist nur ein Beispiel der Verkörperung des befreienden Impulses. Seine Lieder sind Praxis, Reflexion, indem sie ihre begrenzte Realität analysieren, und Aktion, indem sie ihre Absicht erklären, sie zu verändern. Tsois Musik ist aus der Not des Geistes entstanden, sie war kein geplanter „Protest”, sondern ein lebendiger Bildungs- und Befreiungsprozess. Es war auch die Praxis einer Generation, die durch Gespräche in Küchen und durch Musik nicht mehr ein bloßer Gegenstand der offiziellen Narrative, ein Objekt der sowjetischen Geschichte war, sondern zum Subjekt ihrer eigenen turbulenten Zukunft wurde. Sie sangen nicht nur über Veränderung, sie praktizierten Veränderung in jedem Performance und auf jeder Kassette, die von Hand zu Hand ging.

Die musikalischen Ausdrucksformen, die wir heute in den Massenmedien wahrnehmen und die uns als vorfinanzierte Propaganda aufgezwungen werden, entsprechen nicht unbedingt den Herausforderungen der Zeit mit der transformativen Kraft des Geistes, der sich selbst als Akteur der Geschichte, als transzendentes Wesen erkennt. Diese Art von oberflächlicher Unterhaltung, die sogenannte „Konsummusik”, folgt einem antidialogischen Prinzip, und hier treffen wir uns mit dem Begriff des brasilianischen Philosophen. Die Vorstellung einer Befreiung des Menschen durch die dialogische Praxis der Conscientização gewinnt an Aktualität in Zeiten der Rückkehr des Totalitarismus, je größer die Konformität und die politische Gleichgültigkeit der breiten Masse ist, und je mehr die öffentlichen Räume, die noch bestehen, entpolitisiert werden.

«Дальше действовать будем мы»]

[Куплет 1]
Мы хотим видеть дальше
Чем окна дома напротив
Мы хотим жить, мы живучи как кошки
И вот мы пришли заявить
О своих правах, да
Слышишь шелест плащей, это мы

[Припев]
Дальше действовать будем мы
Дальше действовать будем мы
Дальше действовать будем мы
Дальше действовать будем мы

[Куплет 2]
Мы родились в тесных квартирах
Новых районов
Мы потеряли невинность
В боях за любовь
Нам уже стали тесны одежды
Сшитые вами для нас одежды
И вот мы пришли сказать вам о том
Что дальше

[Припев]
Дальше действовать будем мы
Дальше действовать будем мы
Дальше действовать будем мы
Дальше действовать будем мы

[Припев]
Дальше действовать будем мы
Дальше действовать будем мы
Дальше действовать будем мы
Дальше действовать будем мы

Widerstand und Versöhnung in "Yo Voy Ganao"


danny.carvajal@alunaminga.org

Yo salgo es a buscar
Mi Mojarra frita, camarón,
Chipi chipi y mi caldero de arroz.
Yo voy ganao

Im Jahre 2013 hat die kolumbianische Band Systema Solar ihr Album „La Revancha del Burro“ veröffentlicht. Hier wird verdeutlicht, wie Musik als Mittel kultureller Bestätigung sowie sozialer Kritik wirkt. Die Musikband ist seitdem weltweit bekannt worden. In Deutschland gab es in den letzten Jahren mehrere Konzerte und andere Art von Veranstaltungen, sowie Anklang bei Künstler:innen der kolumbianischen Diaspora, zivilgesellschaftlichen Organisationen und Partybegeisterten.


In der Geschichte kolonisierter Völker, denen ihre eigenständige Geschichtserzählung entrissen wurde, entwickelten sich künstlerische Ausdrucksformen stets zu zentralen Widerstandspraktiken – insbesondere durch Musik und Tanz. Kultur entsteht genau dort, wo Menschen das dringende Bedürfnis verspüren, ihr eigenes Wort zur Welt zu ergreifen. Sie gewinnt ihren befreienden Charakter insbesondere an zwei Schwellen: dort, wo Sprache an ihre Grenzen stößt, und dort, wo sich Unterdrückung in entfremdenden Symbolen und Praktiken institutionalisiert.


Der Song „Yo Voy Ganao“ ist dabei in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert. Neben dem tanzbaren Rhythmus lässt sich eine tiefere Botschaft übermitteln: Freude an der ländlichen, karibischen Kultur in Kolumbien und eine klare Kritik am westlichen Erfolgsmodell. Dieser Song feiert einfache Freuden des Alltags – wie „mojarra frita“ (gebratener Fisch) oder ein „Caldero de arroz“ (Reistopf) – als Symbole einer selbstversorgerischen Lebensweise. Der Ausdruck „Yo voy ganao“ bedeutet umgangssprachlich „Ich bin auf dem richtigen Weg“ oder „Mir geht's hervorragend“ – trotz (oder gerade wegen) eines Lebens abseits von Reichtum und Großstadt.


Es handelt sich hier vor allem um eine Kritik an einer entfremdenden Globalisierung und dem von ihr geförderten Konsumverhalten. „Yo no quiero ganarme millones / Yo no quiero quedarme de New Yores“ („Ich will keine Millionen verdienen / Ich will nicht in New York bleiben“). Hier wird erkannt, wie die Botschaft Systema Solar das kapitalistische Erfolgsdenken ablehnt, und gleichzeitig ein alternatives Lebensmodell fordert – eins, das nicht-konsumorientierte Aspekte wie Gemeinschaft, Autonomie und Freude betont. Die Musik von Systema Solar ist eine performative Kritik, eine permanente Aufforderung, die eigene Haltung ständig zu hinterfragen und, wenn möglich, jegliche Unterschiede und Widersprüche durch das Tanzen in Einklang bringen


Es ist ein zutiefst verbindender Sound, der Seele und Körper sofort zum Tanzen bewegt. Cumbia, Champeta, Currulao, Techno und andere kraftvolle Rhythmen, historisch aufgeladen durch den tiefen Wunsch nach Befreiung (viele dieser Rhythmen entstanden im Kontext von Sklaverei oder anderen, subtileren Formen der Unterdrückung). „Yo voy ganao“ wie auch andere Songs des Albums kritisieren nachdrücklich die Auffassung, dass das menschliche Leben auf die Produktion und Akkumulation von Kapital reduziert werden könnte. Es vermittelt auch eine emanzipatorische Botschaft in unserer Zeit, nämlich, Arbeit als eine würdige Handlung zurückzufordern, und unseren Handlungen einen Sinn zu verleihen, der über das bloße Überleben hinausgeht.


Der Titel des Albums – „La Revancha del Burro“ („Vergeltung des Esels“) – steht symbolisch für die Aufwertung des „Einfachen“. Der Esel, oft zum Arbeitstier reduziert und als Zeichen von Rückständigkeit angesehen, wird hier zum Symbol des Widerstands und der kulturellen Selbstbehauptung. In einer Zeit normalisierter Verschwendung von Gütern sind Aussagen wie „Ni tengo ni necesito“ („Ich habe weder noch brauche ich”) sowie die Aufforderung, einfach und mit Freude zu leben. In der Art von Selbstgenügsamkeit mit dem, was es unmittelbar gibt, sowie mit den Errungenschaften der Gemeinschaft werden das Einfache und das Lokale beansprucht und hervorgehoben.


Statt mit Wut oder Klagen bringt Systema Solar seine Kritik durch Feier, Rhythmus und Humor zum Ausdruck. Ihre Botschaft lautet: Die Musik, das Essen und die Kultur der Küstenregionen sind wertvoll – und sie sind politisch, gerade weil sie oft übersehen oder unterschätzt werden. Es bedarf keiner expliziten philosophischen Bezüge, um in diesen musikalischen Werken Elemente zu erkennen, die den Appetit auf Transzendenz im „Alltäglichsten“ und Immanenten anregen, den Genuss des Lebens. Das Werk von Systema Solar zielt darauf ab, in der Freude am Leben selbst Befriedigung zu finden, indem es die Tugend anerkennt, sich seine Nahrung durch die tägliche Arbeit zu verdienen. Es regt auch dazu an, die Verantwortung für die Entscheidung zu übernehmen, einen Platz auf dem Planeten einzunehmen, der gepflegt werden muss und wo auch andere Lebensformen leben.


„Yo Voy Ganao“ ist mehr als nur ein Gute-Laune-Lied. Es ist eine kulturelle und politische Erklärung, eingebettet in ein Album, das sich der Würde und Sichtbarkeit der kolumbianischen Küstenbevölkerung verschreibt. Es feiert das Leben, stellt Konventionen in Frage – und tut das mit einem Lächeln und einem Beat.

Bogotá, Dezember 2016

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